Geistiges Eigentum

Dieser Artikel dümpelt als Entwurf schon seit einiger Zeit in meiner Artikelliste. Aufgrund der aktuellen Debatte werde ich ihn nun mal an die Luft setzten. Also:

Unsere Regierungen verhökern unser geistiges Eigentum nach China, als gäbe es kein Morgen; wohlwissend, wie dort damit umgegangen wird.

Wir verkaufen Waffen an Länder, für deren Führung das Wort dubios ein Kompliment ist.

Steuerhinterzieher werden vorgewarnt und gehen bei Selbstanzeige straffrei aus.

Umweltsünder werden mit Verschmutzungsrechten beschenkt.

Aber wenn ein Kind von 12 Jahren einen Musiktitel iIIegal runter lädt, muss es 250.000 Dollar Strafe zahlen. Was, wenn es in die Mall gegangen wäre, und dort eine CD geklaut hätte – mit sage und schreibe zehn Liedern drauf? Hätte das Kind dann zweieinhalb Millionen Dollar Strafe zahlen müssen? Wohl kaum.
Was sagt uns das?

Das Internet ist das einzig wirklich demokratische Mittel, welches die Menschheit derzeit besitzt. Die Frage ist nur: wie lange noch?

Alleine den Ausdruck geistiges Eigentum halte ich für gewöhnungsbedürftig. Mir ist nicht wohl dabei, wenn das Wort Geist und das Wort Eigentum eine Beziehung miteinander eingehen. Meiner Meinung nach ist dieser Ausdruck gar ein Oxymoron.

Dem muss ich wohl hinzufügen, dass ich noch zu den Dinosauriern gehöre, die sich CDs kaufen… und nicht nur deshalb finde ich großen Gefallen an folgendem „Interview“ mit Sven Regener zum Thema geistiges Eigentum (audio):

Sven Regener: …wir machen keine Verträge… wir gehen auch keine Geschäftsbeziehungen mit Plattenfirmen ein, weil wir DOOF sind oder aus Chi-chang-doodle oder so oder weil wir was zu verschenken haben, sondern weil wir sonst unsere Musik nicht machen können. Und mein Problem, was ich dabei habe, ist, man wird uncool wenn man sagt hier Urheberrecht und so. Aber es wird so getan, als wenn wir Kunst machen würden als exzentrisches Hobby. Und das Rumgetrampel darauf, dass wir irgendwie uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Sache geschaffen haben, ist im Grunde genommen nichts anderes als dass man uns ins Gesicht pinkelt. Und sagt: euer Kram ist eigentlich nichts wert, wir wollen das umsonst haben. Wir wollen damit machen können, was wir wollen. Und wir scheißen darauf, was Du willst oder nicht. Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert. Das einzig Wahre am Rock’n Roll ist, dass wir jede Mark, die wir bekommen, selber verdienen. Die bekommen wir von Leuten, die sagen: ja, das ist mir das wert. Ich gebe 99 cent aus für dieses Lied. Das ist die Idee dabei. Das macht den Rock’n Roll groß. Alles andere ist Subventionstheater, ja? Alles andere ist Straßenmusik. Aber ich möchte kein Straßenmusiker sein. Und es ist halt eine Frage des Respekts und des Anstands – muss ich mal ganz ehrlich sagen. So wie es ’ne Frage auch des Respekts und des Anstands ist, nichts im Supermarkt zu klauen, selbst dann, wenn man wüsste, dass man nicht erwischt würde. Solange das funktioniert, ist das gut, wenn das nicht funktioniert, müssen wir uns natürlich andere Wege überlegen, wie wir unsere Platten produzieren, oder eben auch nicht. Denn zu glauben, man könne auf Plattenfirmen verzichten und dann würde man sozusagen trotzdem noch dieselbe Art von Musiklandschaft vorfinden, wie wir sie eigentlich jetzt haben – oder sagen wir mal vor zehn Jahren hatten – das ist ein großer Irrtum. (…)
Und was wir zum Beispiel im Augenblick haben, diese Sache mit youtube, ja, da muss man mal ganz klar irgendwie die Fronten klarmachen, youtube gehört Google. Das ist ein milliardenschwerer Konzern, die aber nicht bereit sind, pro Klick zu bezahlen. Nun hat aber weder youtube noch Google uns irgendwas zu bieten, AUSSER was andere Leute geschaffen haben und da reingestellt wird. Und da sind wir gerade an dem Punkt, wo die Musiker sagen und die GEMA sagt – und die GEMA sind wir letztendlich, das sind die Komponisten und Textdichter – und wir sagen NEIN. Für dieses Geld kriegt ihr unseren Kram nicht. Und wir sehen nicht ein, dass Milliardengeschäfte gemacht werden, auch mit Werbung in diesem Bereich, ja, und wir kriegen davon nichts ab. Wir sind sozusagen die Penner in der letzten Reihe. Das ist ’ne Unverschämtheit. Und da sollte sich jeder, auch junge Menschen, mal überlegen, ob er sich wirklich zum Lobbyisten von so’nem milliardenschweren Konzern wie Google machen möchte. Und das sind große Lobbyverbände, diese Internetfirmen, ja? Und viel stärkere, als zum Beispiel die Plattenindustrie. Und bringen jetzt als Hilfstruppen die ganzen Deppen da ins Spiel, die sagen:  „Warum kann ich denn das Video nicht auf youtube gucken?“ Ja, dann guck’s halt woanders! Ja? Unsere Videos kann mal alle bei element-of-crime.de gucken, da muss man nicht zu youtube gehen. Tut mir leid. Gibt’s halt nicht bei youtube. Bis die nicht bereit sind, dafür auch was zu bezahlen. Denn ein Geschäftsmodell, was darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist scheiße, ja, und ansonsten können sich ja dann alle ihre Lieder von Kim Schmitz vorsingen lassen.

Erich Renz: Das ist ja eine ganz schön dezidierte Meinung, Herr Regener.

Regener: (lacht) Leider ist das nicht schön. Und das tut mir auch leid, dass ich jetzt so schwallartig hier runterkomme, aber mir steht’s wirklich bis hier, ich kann das alles nicht mehr hören. Ich kann vor allem die ganzen asozialen Leute nicht mehr hören, die immer sagen, ja, wieso, diese Künstler, die sollen … das sind ja sowieso alles N*tten wenn sie’s für Geld machen, ja, die Leute haben für alles Geld aber wir sollen es irgendwie umsonst machen. Was soll das? Auch der Begriff „Piratenpartei“ ist geistiges Eigentum und wenn ich Morgen hier ’ne Piratenpartei gründe, steht ’ne halbe Stunde später der Anwalt der Piratenpartei auf der Matte. So sieht’s nämlich aus. (…)

Ich persönlich schwanke. Kann mich nicht entscheiden. Wie immer im Leben ist es eine Gratwanderung. Und man sollte vermeiden, zu irgendeinem Extrem zu tendieren. Geistiges Eigentum in allen Ehren, aber auch hier wird Raubbau betrieben. In Florida verklagten Anwälte einen Kindergarten, weil deren Betreiber Mickey und Donald auf dessen Wand gemalt hatten…

*pfff*

Und Plattenfirmen sind – oder waren – auch nicht immer unbedingt die Unschuldslämmer. Von wegen Knebelverträge und so… Nur jetzt sind sie am A**.  Meines Erachtens aber nicht (nur), weil es das Internet gibt, sondern weil vielerorts nur noch Schrott produziert wird. Massenware ohne Seele. Von der Klangqualität mal ganz zu schweigen! (Stichwort: „loudness war“)

Im Radio laufen quasi von morgens bis abends nur ein Dutzend Songs. Rauf. Und runter. Da kriegt man höchstens einen zuviel – aber nicht die Lust, sich den Kram dann auch noch zu kaufen. Es gibt sooo viele vielversprechende Künstler, aber seit Jahren macht sich kaum eine Plattenfirma mehr die Mühe, Künstler aufzubauen. Künstler, die diesen Namen auch verdient haben. Ich rede nicht von den ganzen künstlich kreierten Eintagsfliegen, die von allen Seiten ausgelutscht werden, und dann als leere Hülle liegen gelassen werden. Teenie-Hype-Bullshit wie DSDS-Kandidaten oder sonstwie fabrizierte „Bands“ mit Namen wie Monrose oder ähnlichen Quark. Bro’Sis? Ääähm… nein, danke!

Ja, Musik hat einen Wert. Ich für meinen Teil denke so wie Nietzsche: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Aber das Internet trägt nicht allein die Schuld daran, dass es der Musikindustrie so schlecht geht. Vielleicht war der Untergang vorprogrammiert. Und all das Untergangsgeschwafel, dass nur das Internet als Bösewicht ausmacht, dient m.E. einzig und allein der Rechtfertigung von ACTA. Oder ähnlicher Verkrüppelung des Internets und letztlich der Demokratie.

Weitere lesenswerte Links zu diesem Thema:

Interview mit Girl Talk

Good Copy Bad Copy

Wir sind Helden bei der Berliner Zeitung

Judith Holofernes fragt die Jugendredaktion: „Liebe Jugendredaktion: Die Musik­industrie geht den Bach runter, und viele sagen, dass Musik für die Jugend keinen Wert mehr habe. Und klar, wenn man sieht, wie viele Teenager das mickrige Gepupse aus ihren Handys für Musik halten, dann kann man das fast glauben. Auf der anderen Seite kann ich mir nicht vorstellen, dass Musik euch weniger bedeutet als mir früher. Musik zu lieben, liegt in unserer Natur. Was denkt Ihr, verliert die Musik an Wert, weil sie überall umsonst verfügbar ist?“